"Training für ältere Pferde"

Judith mit ihrer alten Stute

Was du beim Training mit älteren Pferden beachten musst!

Auf dem Foto seht ihr mich auf meinem ersten Herzenspferd ‚Melli‘.
Melli war die Halbpensions-Stute meiner Mama. Auf ihr habe ich das Reiten gelernt und ich habe ihr so viel zu verdanken. Wenn ich mich zurückerinnere, dann bin ich immer noch ergriffen, wie viel Stärke, Weisheit und Willenskraft diese Stute verkörperte. Auch wenn es damals nicht immer zu unserem Vorteil war.
Melli hatte auf Grund von Arthrose sehr dicke Karpalgelenke und durfte zum Beispiel nicht mehr auf engen Wendungen geritten werden. Wir waren jedoch viel im Gelände unterwegs. Damals sogar mit Pelham, weil sich die gute Dame anders oft kaum halten ließ.


Bitte beachte...



Wichtig im folgenden Artikel ist mir, dass Du für Dich und dein Pferd entscheiden musst, was für Euch passt. Der Artikel dient nur der Inspiration.
Nun aber los. Was ist wichtig bei älteren Pferden?


Bei der Trainerausbildung von 
Mike Geitner hatten wir damals einen Arzt im Team. Leider weiß ich seinen Namen nicht mehr. Daher kann ich Euch weder die Quelle nennen, noch es wissenschaftlich belegen. Aber was er sagte war folgendes:

Bei den wenigsten Menschen und Tieren sind es die Organe, die im Alter zum Problem werden, sondern die Muskeln. Es ist gesellschaftlich einfach akzeptiert, sich im Alter weniger zu bewegen, einen Bierbauch zu bekommen und ‚Rentner‘ zu sein (Bei den Menschen natürlich). Bei Pferde-Rentnern sieht das dann oft so aus, dass sie einen Senkrücken bekommen, der Po eckig wird und mehr Unterhals, als Oberhalsmuskulatur zu sehen ist. 

Selbstverständlich kommt es hier auch darauf an, ob die Pferdeopis und Omis vor der Rente gut oder schlecht bemuskelt waren. 

Judith auf Narengo, 17 Jahre

Der Punkt, auf den ich hinaus möchte ist folgender, sofern man natürlich auf Dinge wie Arthrose, eventuelle Beeinträchtigungen oder Verletzungen, Rücksicht nimmt, tut es meiner Meinung nach auch alten Pferden gut, sehr häufig gearbeitet zu werden. Gerade den Arthrose-Pferden schadet es oft nur herumzustehen. Sie profitieren absolut von regelmäßiger Bewegung!


Die Art und Weise der Arbeit hängt für mich weniger vom Alter, als von der allgemeinen, körperlichen Verfassung ab. Auch ein 12-jähiges Pferd mit Senkrücken und wenig Oberhalsmuskulatur würde ich erst einmal nur vom Boden aufbauen, bevor ich reite.
Wenn ich aber ein 24-jähriges Pferd habe, das noch fit ist, gerne geht und noch genügend Rückenmuskulatur besitzt um den Reiter zu tragen, mit dem würde ich so arbeiten, wie mit einem jungen. 

Rücksicht musst du auf folgende Dinge nehmen:

  • Ich würde ein älteres Pferd nicht so lange intensiv arbeiten (Unbedingt lange aufwärmen! Melli hatte stark Arthrose und wir mussten ca. 20-30 Minuten Schritt reiten, bis sie weich und warm wurde).
  • Um Gelenke und Knochen zu schonen würde ich primär, so weit wie möglich auf Volten und enge Wendungen verzichten. Somit auch auf das (reine) Longieren.
  • Lieber zu viel als zu wenig auf den Kreislauf achten, sprich Arbeit bei Hitze oder -Schwüle vermeiden.
  • Springen: Da wie bei alten Menschen auch beim Pferd das Verletzungsrisiko im Alter steigt, würde ich persönlich vom Springen abraten.
  • Lungenkranke Pferde: wenn Pferde bereits Probleme haben, im Alltag zu ausreichend Sauerstoff zu kommen, steht es für mich nicht zur Debatte, dieses Pferd zu arbeiten! Da mögen die Meinungen auseinander gehen, meine lest ihr hier.
  • Herzkranke Pferde: Tierärzte raten unbedingt vom Reiten Herzkranker Pferde ab. Nicht unbedingt zum Schutze des Pferdes, sondern eher des Menschen. Die Gefahr, dass das Pferd auf Grund eines Herzstillstandes mit dem Reiter auf dem Rücken zusammenbricht ist zu groß. Alle Arbeiten vom Boden aus, sind jedoch kein Problem. (Hier bitte auf den Kreislauf achten und Arbeit bei höheren Sommertemperaturen vermeiden!)
  • Chronisch-lahme Pferde: Sobald Pferde Schmerzmittel brauchen um lahmfrei gehen zu können, würde ich persönlich auch aufs Arbeiten verzichten.
Narih, 25 Jahre

Was heißt das genau? 


Hast Du ein fittes Pferd, dann versuche einfach immer aufmerksam zu sein, wie fit es wirklich ist und was ihm schwerfällt. Ansonsten bin ich immer für ‚gut reiten hilft‘, also arbeite dein Pferd.


Tipps fürs Gelände:

  • Vor allem Innen- und Außenstellung können schon viel bewirken. Eventuell sogar in Intervallen, wie bei der Equikinetik. Stell deinen Timer im Handy also auf 1 Minute und auf 30 Sekunden und wechsle ca. 8x ab. Also 4x Links- 4x Rechtsstellung (immer abwechselnd) und dazwischen immer 30 Sekunden Pause= langer Zügel.
  • Bei Seitengängen wäre ich etwas vorsichtig, manchmal ist das für ältere Pferde schmerzhaft. Deswegen, beobachte Dein Pferd, schau was ihm guttut und was nicht!
  • Übergänge in Haltung zu reiten spricht ebenso die wichtigen Muskeln an. Achte dabei darauf, dass das Genick deines Pferdes während des Übergangs auf ein und derselben Höhe bleibt (das machst Du über Zügel- und Schenkelhilfen). Es ist überhaupt nicht wichtig, wie zügig oder Punktgenau der Übergang ist (sofern dein Pferd sich generell bremsen und treiben lässt), sondern, dass dein Pferd eben in Haltung bleibt und sich über den Widerrist ausbalanciert und trägt.


Pferd

Aber auch vom Boden ist vieles möglich:

  • Innen- sowie Außenstellung lassen sich prima auch in der Handarbeit abfragen, da muss man kein Profi sein.
  • Die ‚Schaukel‘: das bedeutet, Du führst dein Pferd, stoppst es, richtest es zurück und lässt es daraus sofort wieder antreten. Je weniger Verzögerung zwischen Anhalten, Rückwärts und Antreten ist, desto effektiver. Das ist eine super Übung für die Hinterhand deines Pferdes.
  • Auch wenn die Equikinetik recht eng gelegt wird, kann es älteren Pferden gut tun. Ich habe zum Beispiel auch eines im Kundenstamm. Und es heißt überhaupt nicht, dass man die Equikinetik so eng legen muss. Wenn Du dich entscheidest zwischen gar nichts tun und Equikinetik mit dem für dein Pferd komfortablen Abstand, dann nimm die Equi 
  • Über Stangen führen/longieren. Natürlich auch abhängig davon, wie fit dein Pferd ist. Hierbei ist es wichtig, dass dein Pferd nicht im Hohlkreuz, also mit erhobenem Kopf über die Stangen läuft. Achte deswegen beim Führen vor allem darauf, dass du seinen Kopf immer etwas senkst. Außerdem würde ich Dir zu weichen Stangen wie Dualgassen etc. raten, um die Verletzungsgefahr gering zu halten.
  • Stangensalat und Zirzensik: Ältere Pferde verlieren oft an Gelichgewicht und Motorik, ähnlich wie ältere Menschen eben. Koordinations und Geschicklichkeitsübungen sind daher auch immer gut.

Beim Putzen/ im Stehen:

  • Wenn Du mit einem Finger den Bauch deines Pferdes entlangfährst (mit etwas Druck) sollte es den Rücken wölben. Das kann man so oft wie möglich immer wieder machen, wenn das Pferd steht. 
  • Wenn Du möchtest, dass dein Pferd einen Schritt auf die Seite macht, dann sieht man es, wenn es umlastet um den Schritt machen zu können, richtig?
    Das nutzen wir jetzt, indem wir das Pferd ca. fünf bis zehnmal dazu auffordern, mehr Last auf dem einen Bein aufzunehmen (ohne wirklich zu weichen) und dann das selbe mit dem anderen Bein.

Ihr Lieben, ich hoffe, das hat euch etwas inspiriert und ihr stellt Eure alten Pferde nicht aufs Abstellgleis! 

Man kann mit ihnen noch so viel Spaß haben und von ihnen wirklich viel lernen. Die meisten wollen gar nicht nur herumstehen, sondern freuen sich über Beschäftigung.

Ich muss mir da zwar selber oft an die Nase fassen, weil ich so viel mehr mit meinem Dickie machen müsste mit seinen 22 Jahren. Aber leider kommen bei mir alle eigenen viel zu kurz. Zum Glück hat Dickie aber seine Tamara, die nach ihm guckt und den alten Zauberkönig bespaßt. Für den Artikel habe ich auch extra noch einmal mit einer befreundeten Tierärztin gesprochen und einiges daraufhin ergänzt.
Bitte beobachte dein Pferd immer und gestalte dein Training individuell!
Ich freu mich sehr auf Euer Feedback, also los!

Erzählt mir gerne in den Kommentaren, ob der Beitrag Euch gefallen hat und hilfreich war. Oder natürlich was Euch fehlt und ihr Euch wünscht!



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